Der ungerechte
Tod Darstellungen des Sterbens im Kino
Das Filmprogramm zum Katholikentag in Saarbrücken (25.-28. Mai
.2006)
Im Spannungsfeld von Gottes Gerechtigkeit und der Ungerechtigkeit
der begrenzten Lebenszeit des Menschen entwickelte das Kino von Beginn
an zahlreiche Diskurse über den Sinn des Lebens und den (Un-)Sinn
des Sterbens. Der Tod im Kino ist dabei als grausamer
Akt ein zumeist unhinterfragter Topos des Genrekinos: Man stirbt im
Western einfach so durch einen Pistolenschuss, man vergeht
im donnernden Laserblitz im Science-Fiction-Film, Mordopfer lösen
im Krimi eine spannungsreiche Suche nach dem Täter aus, Kriegsfilme
anonymisieren den Tod als Ausdruck des Irrationalen. Zahlreiche Filme
gehen indes tiefer und machen den Tod zum zentralen existenziellen
Thema. Dabei geht es auch um das Verstehen und Annehmen des Unvermeidlichen,
oft auch um Fragen der Gerechtigkeit (Ist das vielleicht
gerecht, dass ein geliebter Mensch sterben muss?) sowie um Chancen
und Bedingungen der menschlichen Würde.
Die Filmreihe DER UNGERECHTE TOD Darstellungen
des Sterbens im Kino in den Saarbrücker Kinos FILMHAUS
und KINO UT setzt Akzente, sensibilisiert für das Thema, bietet
Diskurse und Diskussionen, dabei stets auch anspruchsvolle Unterhaltung.
Das Filmprogramm wird durch Einführungen, Referate sowie eine
Podiumsdiskussion ergänzt.
1. Klassiker (1): Das siebente Siegel
Schweden 1956. Regie: Ingmar Bergman. 96 Min.
27.5., 15.00 h, UT
Ein heimkehrender Kreuzritter findet seine Heimat von der Pest verwüstet
vor und fordert den Tod zu einem Schachspiel heraus, das zu der
nie endenden Frage um die Existenz Gottes wird. Im Rückgriff
auf die Tradition mittelalterlicher Mysterienspiele meditiert der
mit großer künstlerischer Kraft gestaltete Film über
den Verlust von Sinnbezügen und die Suche nach Haltepunkten
in einer neuzeitlichen Welt. Eine Allegorie, geprägt von bitterer
Skepsis. Sehenswert.
2. Klassiker (2): Der Teufel möglicherweise
Frankreich 1976. Regie: Robert Bresson. 96 Min.
26.5., 15.00 h, FILMHAUS
Ein junger Mann in Paris, der angesichts der immer intensiveren
Zerstörung der Erde im Namen des Fortschritts und angesichts
der Kommunikationsunfähigkeit der Menschen ein menschenwürdiges
Leben nicht mehr für möglich hält, lässt sich
von einem anderen jungen Mann erschießen. Eine äußerst
pessimistische Beschreibung der modernen Gesellschaft. Obwohl jegliches
explizite Zeichen der Hoffnung fehlt, erweist sich der Film in seiner
Radikalität der Anklage insgesamt als Aufforderung zum Umdenken.
Sehenswert.
3. Trauer & Lebensmut (1): Mein Leben ohne mich
Kanada/Spanien 2003. Regie: Isabel Coixet. 106 Min.
26.5., 22.30 h, FILMHAUS
Eine 23-jährige Frau und Mutter zweier Kinder erfährt,
dass sie nur noch kurze Zeit zu leben hat. Sie nutzt die verbleibende
Spanne, um das Leben ihrer Familie für die Zeit nach ihrem
Tod zu ordnen. Das Porträt einer Frau, die in einer ausweglosen
Situation nicht den Lebensmut verliert und die antizipierte Trauer
ihrer Umgebung über die eigene Verzweiflung stellt. Ein ernster,
emotionaler Film, der Fragen nach den Grundlagen des Lebens stellt.
(Kinotipp der katholischen Filmkritik) Sehenswert ab 16.
4. Trauer & Lebensmut (2): Hana-bi
Japan 1997. Regie: Takeshi Kitano
26.5., 22.30 h, UT
Ein Polizist der Tokioter Polizei sieht sich mit einer Lebenssituation
konfrontiert, in der seine Frau sterbenskrank, er selbst hoch verschuldet
ist und sich zudem verantwortlich für Tod und Verletzung von
zwei Kollegen fühlt. Schweigsam und scheinbar ohne Gefühlsregungen,
aber in Konfliktsituationen mit unbarmherziger Gewalt, versucht
der Polizist, seine Schuld zu begleichen. Eine virtuos inszenierte
Meditation über Liebe, Tod und Schuld, neben der Gewalt nur
marginal und verfremdet als Akt tiefster Verzweiflung dargestellt
wird. Sehenswert.
5. Trauer & Lebensmut (3): Die blaue Grenze
Deutschland 2005. Regie: Till Franzen. 104 Min.
., 20.00 h, UT
Einen jungen Mann verschlägt der Tod des Vaters nach Flensburg
zu seinem Großvater, wo er eine schöne Frau kennen lernt.
Als sich die beiden aus den Augen verlieren, macht er sich auf die
Suche nach ihr, wobei sich ihm ungeahnte Schwierigkeiten in den
Weg stellen. Sorgfältig komponierte Reflexion über menschliche
Grenzerfahrungen, die den großen Themen Sterben und Verlust
eine hoffnungsvolle Liebesgeschichte entgegenstellt. Sehenswert
ab 16.
6. Trauer & Lebensmut (4): Schultze gets the Blues
Deutschland 2003. Regie: Michael Schorr. 114 Min.
25.5., 17.30 h, UT (nach Vortrag)
Ein wortkarger, fülliger Frührentner aus Ostdeutschland,
der bislang immer nur Polka auf seinem Akkordeon spielte, entdeckt
seine Liebe zur amerikanischen Cajun-Musik. Er fährt nach Amerika,
wo er einige neue Erfahrungen sammelt, im Grunde aber so einsam
bleibt wie zu Hause. Stimmungsvolles Porträt über Deutschland
und seine Tradition am Beispiel eines Mannes, der einen Neuanfang
wagt, ohne dafür belohnt zu werden. Der reizvoll lakonisch
erzählte Spielfilm überzeugt durch den hervorragenden
Hauptdarsteller, malerische Bilder und seinen einfühlsamen
Umgang mit Musik und Geräuschen. Sehenswert ab 14.
7. Todesstrafe (1): Kurzer Film über das Töten
Polen 1987. Regie: Krzysztof Kieslowski. 85 Min.
25.5., 22.30 h, UT
In der grauen Öde Warschaus bringt ein vereinsamter junger
Mann einen Taxifahrer um und wird nach dem Todesurteil hingerichtet.
Künstlerisch dichte, bildhafte Umsetzung des Fünften Gebotes:
Du sollst nicht töten. Schonungslos direkt konfrontiert
der Film den Zuschauer mit erschreckenden Bildern, die einer weitergehenden
Auseinandersetzung bedürfen, illustriert jedoch dadurch seinen
unbedingten Appell für Menschenwürde und Leben. (Kinotipp
der Katholischen Filmkritik.) Sehenswert.
8. Todesstrafe (2): Der elektrische Stuhl
USA 1963. Regie: D.A. Pennebaker, Richard Leacock. 55 Min.
27.5., 15.00 h, FILMHAUS (Vorprogramm: Selbstmordversuche,
Kurzfilm von Michelangelo Antonioni)
Direct-Cinema-Dokumentarfilm über die letzten Stunden eines
zum Tode verurteilten Schwarzen in einem Gefängnis in Chicago.
Der Film berichtet über die Versuche des Verteidigers, das
Leben seines Mandanten in letzter Minute zu retten, über den
Gefängnisdirektor, der die Vorbereitungen für die Hinrichtung
treffen muss, über Staatsanwalt und Verteidiger beim Plädoyer
vor dem Gouverneur des Staates Illinois.
9. Sterbehilfe (1): Million Dollar Baby
USA 2004. Regie: Clint Eastwood. 133 Min.
25.5., 15.00 h, UT
Nach langem Zögern übernimmt ein verschlossener Boxtrainer
die Ausbildung einer jungen Weißen, die sich durch den Sport
eine gesellschaftliche Chance erarbeiten will. Ein nur auf den ersten
Blick herkömmlicher Sportfilm, der die Stereotypen des Genres
reizvoll variiert und hinterfragt. Im letzten Drittel nimmt er eine
unerwartete Wende, die die Trivialität des Stoffes unterläuft
und sich zum ernsten Drama über Leben und Tod auswächst.
Ein mit abgeklärter Meisterschaft inszenierter und hervorragend
fotografierter Film. Sehenswert ab 16.
10. Sterbehilfe (2): Der Geschmack der Kirsche
Iran/Frankreich 1997. Regie: Abbas Kiarostami. 99 Min.
25.5., 15.00 h, FILMHAUS
Ein Mann mittleren Alters sucht in den nördlichen Außenbezirken
Teherans einen Helfershelfer für seinen Selbstmord und findet
ihn in einem alten Mann, der das Vorhaben zwar akzeptiert, zuvor
aber versucht, den Lebensmüden von der Schönheit des Daseins
zu überzeugen. Ein in extrem langsamem Erzählrhythmus
entwickelter Film, der die Entscheidungsfreiheit des Menschen ebenso
respektiert wie er sich vehement für das Leben einsetzt. Ohne
psychologische Präzisierung spiegelt sich das Seelenleben des
Protagonisten ausschließlich in der kargen Landschaft.
Sehenswert.
11. Sterbehilfe (3): Das Meer in mir
Spanien/Italien 2004. Regie: Alejandro Amenábar. 126 Min.
25.5., 20.00 h, FILMHAUS (nach Vortrag)
Der Film beruht auf der Lebensgeschichte von Ramón Sampedro,
der, durch einen Unfall vollständig gelähmt, jahrelang
juristisch und in Publikationen für das Recht kämpfte,
seinem Leben ein Ende setzen zu dürfen. Insgesamt plädiert
das Porträt dieses Mannes dafür, dass es jedem Menschen
zustehe, selbst über sein Leben und seinen Tod zu entscheiden,
zeigt aber auch Gegenpositionen, weshalb der Film kein Manifest
für Euthanasie ist, sondern ein Versuch, sich auf differenzierte
Weise dem Thema der aktiven Sterbehilfe zu stellen. Ab 14.
12. Tod in Hollywood (1): Flatliners Heute ist
ein schöner Tag zum Sterben
USA 1990. Regie: Joel Schumacher. 111 Min.
26.5., 15.00 h, UT
Besessen von dem Wunsch, kurzfristig die Grenze zwischen Leben und
Tod zu überschreiten, erproben Medizinstudenten mit modernster
Technik das Experiment an sich selbst, mit unabsehbaren Folgen.
Weitgehend stimmiger, effektvoll inszenierter Horrorfilm, in dem
der subtile Schrecken vorherrscht. Eine interessante Gratwanderung
zwischen Metaphysik, Medizin und Psychologie.
13. Tod in Hollywood (2): 21 Gramm
USA 2003. Regie: Alejandro González Iñárritu.
125 Min.
27.5., 20.00 h, 20.00 h (nach Vortrag)
In einem verschachtelten Psychothriller werden drei Personen mit
dem Tod konfrontiert: ein Patient, der dringend eine Herztransplantation
braucht, die Frau eines Mannes, der bei einem Autounfall ums Leben
kommt und die in die Transplantation einwilligt, und der Mann, der
den Autounfall verursacht hat. Ein packend gefilmtes Drama, das
zum Nachdenken darüber auffordert, wie die Toten und der Tod
die Lebenden beeinflussen. Sehenswert.
14. François OZON (1): Unter dem Sand
Frankreich 2000. Regie: François Ozon. 95 Min.
27.5., 17.30 h, FILMHAUS (nach Vortrag)
Während eine etwa 50-jährige Frau am Strand einschläft,
geht ihr Mann schwimmen und kommt nie wieder. Sein Verschwinden
bleibt ungeklärt, es gibt keine Leiche. Die Frau kann sich
nicht damit abfinden, dass er tot sein soll, und hat Mühe,
sich auf ein Leben ohne ihn einzustellen. Subtil inszenierte Studie
über das Unfassbare, das Trauern und das Weiterleben nach Schicksalsschlägen.
Der Film lebt ganz von seiner grandiosen Hauptdarstellerin, aber
auch von der Präzision und Intimität, mit der er sie fast
dokumentarisch begleitet. Sehenswert.
15. François OZON (2): Die Zeit die bleibt
2005. Regie: François Ozon. 114 Min.
26.5., 17.00 h, FILMHAUS
Ein 31-jähriger homosexueller Modefotograf erkrankt unheilbar
an einem Tumor. In den wenigen Monaten, die ihm bleiben, isoliert
er sich zunehmend von den Menschen in seinem Umfeld, lässt
nur noch sporadisch Nähe zu seiner Großmutter zu und
zeugt ein Kind mit einer ihm fremden Frau, deren Mann unfruchtbar
ist. Eine betont subjektive, formal strenge, distanziert und mitunter
unterkühlt durchdachte Suche nach der eigenen Wahrheit und
zugleich eine sehr persönliche, intime Studie über die
Trauer und die Hilflosigkeit angesichts des Todes. Sehenswert.
16. Kinder im Film (1): Das Zimmer meines Sohnes
Italien 2001. Regie: Nanni Moretti. 100 Min.
26.5., 17.00 h, UT
Ein Psychoanalytiker, der glücklich mit seiner vierköpfigen
Familie in Ancona lebt, fährt zu einem Patienten, statt seinen
Sohn zum Tauchen zu begleiten. Der Sohn stirbt dabei durch einen
Unfall. Sehr sensibel inszenierte Studie über den Zerfall einer
Familie durch die Unfähigkeit, mit dem Gefühl der Trauer
zurechtzukommen; genau in der Beobachtung menschlicher Reaktionen.
(Kinotipp der katholischen Filmkritik). Sehenswert ab 14.
17. Kinder im Film (2): Verbotene Spiele
Frankreich 1952. Regie: René Clément. 85 Min.
27.5., 22.30 h, FILMHAUS
Ein fünfjähriges Mädchen, dessen Eltern beim Einmarsch
der Deutschen in Frankreich 1940 umgekommen sind, wird von einer
Bauernfamilie aufgenommen. Die Dorfkinder spielen die
Ereignisse, die sie umgeben: Krieg und Friedhof.
Ein erschütternder Film, der in der Stilisierung und Idealisierung
einer heilen Kinderwelt schonungslos die Grausamkeit
und Gedankenlosigkeit des alltäglichen Lebens aufzeigt.
18. Kinder im Film (3): Mondscheinkinder
Deutschland 2006. Regie: Manuela Stacke. 90 Min.
27.5., 20.00 h, FILMHAUS
Ein beeindruckender, nicht nur in seiner Dramaturgie sehr ausgereifter
Film: Mondscheinkinder handelt von der 13-jährigen
Lisa, die ihren kleinen, sonnenallergischen Bruder umsorgt
die überforderte, stets besorgte Mutter tritt in den Hintergrund.
Ausgerechnet der sportlichste und begehrteste Junge aus Lisas Schule
entwickelt Interesse an Lisa. Metaphorisch und kindgerecht inszeniert,
anrührend und bewegend.
Die Referate:
Trauer im Film (Roman Mauer), 27.5., 17.30 h, FILMHAUS
Todessymbole im Film (Susanne Marschall), 25.5., 17.30 UT
Christliche Todesbilder im Film (Peter Hasenberg), 25.5., 20.00
h, FILMHAUS
Darstellungen des Todes im Mainstream-Kino (Josef Lederle), 27.5.,
20.00 h, UT
Die Podiumsdiskussion:
Selbstbestimmtes Sterben Grenzen und Chancen
der filmischen Darstellung
Eine Podiumsdiskussion in Zusammenarbeitmit der Abteilung Junge
Erwachsene/Medien der Katholischen Akademie Trier, 25.5., 15.00
FILMHAUS
Zusätzliche Filmveranstaltungen:
Kurzfilmwettbewerb:
Das Bistum Trier hat einen Kurzfilmwettbewerb zum Leitwort des Deutschen
Katholikentags, Gerechtigkeit vor Gottes Angesicht,
ausgeschrieben. Deutschsprachige Filme mit einer Länge von
bis zu 20 Minuten aus den Produktionsjahren 2004/06 konnten eingereicht
werden, die das Thema Gerechtigkeit in seiner sozialen
Dimension für das Mensch- und Christsein behandeln. Der 1.
Preis ist mit 1.000 Euro, der 2. und 3. Preis mit je 500 Euro dotiert.
Filmvorstellung und Prämierung am 26.5, 20.00 h im FILMHAUS.
Weitere Film-Events
Die große Stille Deutschland 2005. Regie: Philip
Gröning. 167 Min.
25.5., 22.30 h, FILMHAUS/27.5., 17.30 h, UT
exodus, café für jugendkultur präsentiert Filme
im Kino 8 1/2 (Diskussionen von und mit Jugendlichen)
die Ökumenische Arbeitsgruppe Homosexuelle und Kirche (Huk)
e.v. präsentiert den Film Sommersturm (Dt. 2004),
Diskussion mit den Filmemachern. 25.5., 20.00 UT.
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