Kinotipp der katholischen Filmkritik 187/Februar 2009
Kanun - Blut für Ehre

D 2008
Regie:Marc Wiese
Länge: 92 Min.
Verleih:Engstfeld Filmproduktion

Dass ein halbwüchsiger Junge sich nicht mehr daran erinnern kann, wann er zum letzten Mal die elterliche Wohnung verlassen hat, um zur Schule zu gehen oder um auf der Straße zu spielen, und zwar aus Angst, außerhalb der schützenden vier Wände sofort ermordet zu werden, das scheint in seiner Ungeheuerlichkeit nahezu surreal. Genau dieses Bedrohungsszenario ist aber alltägliche Wirklichkeit für albanische Familien, die von der Blutrache betroffen sind, weil eines ihrer Mitglieder die „Ehre“ einer anderen Familie beschädigt hat – so will es der „Kanun“, ein traditionsreicher Kodex, der Fragen der Ehre und vor allem der blutigen Sühne von Ehrverletzungen vorschreibt.
Der Dokumentarfilm begleitet eine deutsche Nonne, die sich an der Sisyphos-Aufgabe versucht, zwischen Rächern und Verfolgten zu vermitteln, und lässt Täter und Opfer zu Wort kommen. Ohne kommentierend die vertretenen Positionen zu bewerten, vermittelt er dabei eine große Empathie für die in ständiger Todesangst lebenden Opfer, ohne dem Zuschauer indes die Möglichkeit eines eigenen Urteils zu nehmen. Zwar wird auf eine Einordnung der dargestellten Fälle von Blutrache in den größeren Kontext der albanischen Gesellschaft verzichtet, jedoch vermittelt die ausgefeilte Kameraarbeit viel vom Alltag und der Lebenswelt der Protagonisten – oft in poetischen Bildern, die zusammen mit einer elegisch anmutenden, folkloristischen Musikbegleitung die Würde der durch den Kanun zum Freiwild erklärten Menschen in Schutz zu nehmen scheinen. Dabei setzt das Engagement der Ordensfrau, wenn auch von Rückschlägen begleitet, hoffnungsvolle Akzente.