Kinotipp der katholischen Filmkritik 185/November 2008
It's a Free World

GB/D 20087
Regie:Ken Loach
Länge: 96 Min.
Verleih: Neue Visionen

Jeder muss selbst sehen, wo er bleibt: Auf dieses zweifelhafte Credo schrumpft die Handlungsmaxime einer alleinerziehenden Londonerin, die alle Skrupel fahren lässt, als sie in wirtschaftliche Schwierigkeiten gerät. Von einer Arbeitsagentur unter fadenscheinigen Gründen gefeuert, steigt die geschäftstüchtige Frau selbst ins lukrative Geschäft mit ausländischen Zeitarbeitern ein, die auf dem grauen Markt gegen Hungerlöhne und ohne jede soziale Absicherung tage- und wochenweise einen Job finden. Wer nicht aufmuckt, wenn es um Überstunden geht, oder bereit ist, auch unter härtesten Bedingungen für einige Pennys zu schuften, findet in der energischen Unternehmerin zunächst sogar eine halbwegs ehrliche Maklerin. Doch als ihre bescheidenen Aufsteigerfantasien mit den dubiosen Mechanismen der Schattenwirtschaft in Konflikt geraten, kennt sie keine moralischen Rücksichten mehr. Diese Entwicklung folgt zwar keinen ehernen Gesetzen, entbehrt aber trotzdem nicht einer gewissen Zwangsläufigkeit, da sich das Geschäft mit den oft „illegalen“ Tagelöhnern im Prinzip kaum vom Sklavenmarkt früherer Zeiten unterscheidet.

Der Film des bekennenden Sozialisten Ken Loach verirrt sich nicht in dogmatische Sackgassen, überzeugt vielmehr durch seinen genauen Blick auf die Verhältnisse, die stets auch die Möglichkeit offen lassen, anders handeln zu können. Ehe sich die Aufsteigerin versieht, gerät sie nämlich selbst zwischen die Mahlsteine kriminellen Profitstrebens, die auch scheinbar Unantastbares zu zerstören drohen. Zwischen einer humanen Ökonomie und dem kalten Raubtierkapitalismus klafft ein Abgrund, der nicht kleingeredet werden kann. Die Grenze zwischen Gut und Böse, Täter und Opfer, darauf insistiert Ken Loach mit Nachdruck, ist mitunter fließend, aber nicht desto trotz deutlich zu ziehen.