Die Titelheldin des neuen Sozialdramas der Gebrüder Dardenne ist eingewoben in ein Netz aus (illegalen) Geldströmen: Sie soll gegen Bezahlung einen Russen heiraten, um diesem die belgische Staatsbürgerschaft zu beschaffen, nachdem sie selbst zuvor den begehrten Pass durch die gekaufte Ehe mit dem Junkie Claudy gewonnen hat. Allerdings steht Claudy den Plänen von Lornas Boss Fabio im Weg: Eigentlich sollte der Junkie längst tot sein; stattdessen rafft er sich sogar zum Entzug auf – und weckt in Lorna, bisher ein gut funktionierendes Rädchen im mafiösen Getriebe, unvorhergesehene Gefühle der Mitmenschlichkeit und moralischen Verantwortung. Als ihre Komplizen Claudy ermorden wollen, um das „Geschäft“ mit dem Russen nicht zu gefährden, versucht Lorna zu intervenieren.
Einmal mehr entwerfen die Brüder Dardenne ein genau beobachtendes, am Außenrand der Gesellschaft angesiedeltes Drama über den Zusammenprall eines erwachenden ethischen Bewusstseins mit sozialen Zuständen, in denen Individuen auf ihre Funktionalität reduziert zu werden drohen. Hauptdarstellerin Arta Dobroshi, deren Präsenz den Film wesentlich mitträgt und der die Kamera ebenso distanziert-diskret wie beharrlich folgt, wird dabei zu einer Art von moderner Antigone, deren Versuch, in einem pervertierten kapitalistischen System humanistischen Impulsen zu folgen, in eine Tragödie mündet und doch zum kraftvollen Appell für die Unantastbarkeit menschlicher Würde wird, die sich nicht zur „Ware“ machen lässt. |