Der gegen Ende des Ersten Weltkriegs aus russischer Kriegsgefangenschaft geflohene Soldat Karl gibt sich bei der Frau seines Kameraden Richard als deren Mann aus. Anna weiß es von Beginn an besser, aber sie gerät in einen wahren Strudel der Gefühle, weil der Fremde alles von ihr kennt: ihre Eigenheiten, ihre Träume, die verborgenen Geheimnisse ihres Körpers. Schließlich hatte ihm Richard in langen, entbehrungsreichen Tagen und Nächten minutiös von der Liebsten erzählt. Als auch Richard nach Monaten aus Russland heimkehrt, sind „die Frau und der Fremde“ längst ein Paar – es gibt kein Zurück mehr in die Zeit davor.
Leonhard Franks ebenso intensive wie „unerhörte“ Novelle „Karl und Anna“ (1926) endet mit den Sätzen: „Sie sprachen nicht, sie dachten nicht. Sie gingen im unerforschlichen Geheimnis, zu trennen nur durch den Tod.“ Die ergreifende Erzählung verdichtete Regisseur Rainer Simon vor nahezu 25 Jahren zu einem nuancenreichen, kammerspielartigen Kriegsfilm, der heute längst zu den Klassikern des DEFA-Kinos gehört: ein stilles, geradlinig erzähltes, vorzüglich gespieltes Drama um Sehnsucht, Täuschung, Hingabe, Liebe, Schmerz und Verzweiflung – eine Achterbahnfahrt der Gefühle. Simon interessierte sich besonders für „das nie gänzlich zu durchschauende Spiel zwischen Lüge und Wahrheit, zwischen Schein und Realität, die Problematik des Identitätstausches, des Identitätsverlustes“. Sein Film umschreibt nachhaltig die Wunden des Krieges, die sich auf den Gesichtern, in den Handlungen sowie den Haltungen der Figuren spiegeln. |