Kinotipp der katholischen Filmkritik 174/August 2007

Am Ende kommen Touristen

Deutschland 2007
Regie:Robert Thalheim
Länge: 85 Min.
Verleih: X Verleih

Der 19-jährige Sven aus Berlin leistet seinen Zivildienst in der Begegnungsstätte des früheren KZ Auschwitz. Dabei muss er sich nicht nur mit der belastenden Vergangenheit, sondern auch mit der Gegenwart im polnischen Stadtchen Oswiecim auseinandersetzen, das den heutigen Bewohnern keinerlei Perspektiven, dafür aber viele existenzielle Probleme bietet. In der Begegnungsstätte soll Sven Stanislaw Krzeminski zur Hand gehen, einem ehemaligen KZ-Häftling; doch obwohl es zu Stanislaws Aufgaben gehört, Schülern und Reisegruppen vom Holocaust zu erzählen, reagiert der alte Mann abweisend, kommandiert den um Korrektheit bemühten Eindringling auf Deutsch in einem herrischen Stakkato-Ton, der an die Befehle der KZ-Aufseher erinnert.
Einem solch scheinbaren Widerspruch geht Robert Thalheim, Absolvent der Hochschule für Film und Fernsehen Konrad Wolf, neugierig und unvoreingenommen auf den Grund, ohne sich mit Klischees zufrieden zu geben. Dabei beweist er sein Talent, sich in Figuren einzufühlen; stimmige und anrührende Figurenzeichnungen, die subtil das deutsch-polnische Verhältnis einfangen, stehen neben einer zaghaften Liebesgeschichte. Unter Verzicht auf bekannte historische Bilder oder didaktische Wiedergutmachungsgesten bleibt der Film ganz in der Gegenwart und schafft ein vielschichtiges Lehrstück über eine deutsch-polnische Normalität, die sich bis heute nicht einstellen will. Am Ende dieser klugen Reflexion stehen Erfahrungszuwachs und ein Innehalten, das neue Räume des gegenseitigen Verstehens öffnet und das lange nachwirkt. Thalheim gelingt ein Kunststück: einen leichten Ton bei einem schweren Thema zu finden und doch packend genug, um einen erstaunlichen Sog zu entwickeln.