Kinotipp der katholischen Filmkritik 172/August 2007

10 Kanus, 150 Speere und drei Frauen

Australien 2005
Regie: Rolf de Heer
Länge: 90 Min.
Verleih: Alamode Film

"Es war einmal in einem fernen, fernen Land", lockt die melodische Stimme eines Erzählers, während die Kamera schwerelos tiefer in die Urlandschaft im Nordosten Australiens gleitet. Sie nimmt den Zuschauer mit in eine andere Zeit und ein anderes Denken: zu den Aborigines, über die viele seltsame Anschauungen und Vorurteile kursieren, allesamt "weiße" Zuschreibungen von außen. In Rolf de Heers außergewöhnlichem Abenteuerfilm bemächtigen sich die Ureinwohner Australiens selbst der Leinwand, um auf ihre Weise von sich und ihren Mythen und Legenden zu erzählen: herausfordernd, mit kecker Ironie und einer entwaffnenden Logik, die das westliche Kausalitätsprinzip gleichsam in einen Kokon aus Reden und Erzählungen einspinnt, aus dem dann einer der schönsten Filmschmetterlinge dieses Jahres entweicht.
Der "Plot" führt in die Zeit vor der Kolonialisierung des Kontinents, zu einer Sippe der Ramingining, deren Männer losziehen, um im Sumpf Gänseeier zu sammeln. Zwischen zwei Brüdern herrscht Spannung, weil der jüngere eine Frau des älteren begehrt. Während die Männer Kanus aus Baumrinde fertigen und auf die Jagd gehen, wird der liebeskranke Jüngling in eine immer verschlungenere (und filmisch visualisierte) Geschichte aus der Vorzeit verstrickt, in der sich seine Nöte spiegeln, aber auch die Sackgassen der unterschiedlichen Lösungen abzeichnen. Dabei ist es nicht nur der Wechsel zwischen dem Schwarzweiß der Erzählgegenwart und den überwältigenden Farben der fabulierten Vorzeit, der mit gängigen Kinoerwartungen bricht, sondern das bildgewaltige Drama als solches, welches die Ahnung weckt, dass nicht immer die Gerade die kürzeste Entfernung zwischen zwei Punkten markiert, sondern gelegentlich eher ein Kreis.