Kinotipp der katholischen Filmkritik 165/September 2006

Der Kick

Deutschland 2006
Regie: Andres Veiel
Länge: 85 Min.
Verleih: Piffl Medien

Im Herbst 2002 schockierte ein bestialischer Mord in Neubrandenburg die Öffentlichkeit, bei dem ein 16-Jähriger von drei Bekannten gefoltert und getötet wurde. Die Medien überboten sich in pauschalen Urteilen, in denen von menschlichen Bestien und rechter Gewalt die Rede war. Mit solchen Plattitüden wollte sich der Dokumentarist Andres Veiel nicht zufrieden geben. Er recherchierte vor Ort und wertete die Vernehmungsprotokolle der Polizei sowie die Gerichtsakten aus. Zusammen mit der Dramaturgin Gesine Schmidt verfasste er ein dokumentarisches Theaterstück, das die grausame Tat in familiäre, soziale und gesellschaftliche Kontexte rückt, ohne das Verbrechen dadurch erklären zu wollen. In dem minimalistischen, mit Mitteln des Brechtschen Theaters arbeitenden Stück kommen die Täter, ihre Eltern, die Dorfbewohner und andere zu Wort.

Der Film greift diese Inszenierung auf und akzentuiert den Montage-Charakter des Stücks zusätzlich, indem er die 19 Rollen lediglich von zwei ganz in Schwarz gekleideten Darstellern sprechen lässt. Was sich wie das Szenario eines naturalistischen Dramas ausnimmt, enthüllt Schicht um Schicht ein albtraumhaftes Mosaik aus Werteverlust, Alkoholismus, Perspektivlosigkeit, Nach-Wende-Trauma, Männlichkeitsritualen und einer nicht abreißenden Kette der Gewalt, die bis in die Zeit des Nationalsozialismus zurückweist. Doch immer, wenn sich die Puzzle-Teile zusammenfügen und die Konturen des Verbrechens erahnen lassen – eine monströse Verquickung aus Minderwertigkeitsgefühlen, Verbitterung und Gewaltbereitschaft –, nötigt die spannende Inszenierung zur neuerlichen Revision, wobei der Gründe der Tat trotz aller richtigen Antworten weiter offen bleiben.