Kinotipp der katholischen Filmkritik 161/Februar 2006

Requiem

Deutschland 2005
Regie: Hans Christian Schmid
Länge: 92 min
Verleih: X Verleih

Eigentlich könnte sich mit dem Studienbeginn in Tübingen Michaelas Leben zum Besseren wenden. Doch die junge Frau, die seit ihrer Pubertät unter epileptischen Anfällen leidet, kann ihre Vergangenheit und Erziehung nicht abstreifen. Einmal mehr will sie es allen alles recht machen und setzt sich so unter einen Erwartungsdruck, der sich durch ihre schüchternen Ausbruchversuche aus den Zwängen des strengen Elternhauses noch steigert. Irgendwann kollabiert die Psyche der Studentin, die von Panikattacken und psychotischen Schüben heimgesucht wird und mehr und mehr den Kontakt zu ihrer Umwelt verliert. In ihrer Erklärungsnot lässt sie keine psychischen Gründe für ihren Zustand gelten, sondern findet eine Erklärung auf der Grundlage ihres Glaubens: Michaela ist überzeugt, von Dämonen besessen zu sein.

Regisseur Hans-Christian Schmid nutzt den authentischen Fall, der sich Mitte der 1970er-Jahre in Unterfranken zugetragen hat, jedoch weder, um aus dem Exorzismus spekulatives Kapital zu schlagen, noch um dezidierte Kirchenkritik zu üben. Im Mittelpunkt seines ebenso packenden wie ergreifenden Films steht eine überzeugende Protagonistin, die versucht, den qualvollen Leidensweg einer jungen Frau nachvollziehbar zu machen. Dabei wird deutlich, wie sich zwei regressive Positionen – die angstbesetzte Familienstruktur auf der einen Seite und der Hang zur Pflichterfüllung bis zur Selbstaufgabe auf der anderen – potenzieren und einen Leidensdruck erzeugen können, der einen Menschen durchaus in eine seelische Krankheit treiben kann, ohne dass von Teufelswerk die Rede sein muss. Schmid fällt kein Urteil, sondern beobachtet seine Hauptperson respektvoll und mit wachem Interesse, ohne eine überhebliche Mitleidpose einzunehmen.