Deutschland 2004
Regie: Volker Schlöndorff
Länge: 97 min
Verleih: Progress

Der neunte Tag

Kinotipp der katholischen Filmkritik 146/November 2004

Ein luxemburgischer Priester, den die Nazis ins KZ Dachau geworfen haben, wird ohne Angabe von Gründen für neun Tage nach Hause geschickt. Dort umwirbt ihn ein gebildeter Gestapo-Mann, der mit seiner Hilfe den Ortsbischof auf die Seite der deutschen Besatzer ziehen will. Tag für Tag muss der Priester in einer von den Nazis besetzten Villa erscheinen, wo sich zwischen den beiden ungleichen Männern ein gespenstisches Ringen entwickelt, bei dem theologische Argumente, psychologische Tricks, Macht- und Ohnmachtgefühle, aber auch verdrängtes Schuldbewusstsein und Todesangst in schneller Folge wechseln. In höchster Bedrängnis sucht der Abbé Beistand, doch niemand kann sein Dilemma lösen, der Hölle des KZs zu entgegen, ohne einen Pakt mit dem Teufel zu schließen.

Der Film beruht in groben Umrissen auf dem Tagebuch "Pfarrerblock 25487" von Jean Bernard, der sich seine schrecklichen Erlebnisse in Dachau kurz nach dem Krieg von der Seele schrieb. Im Zentrum des Films steht jedoch ein fiktives Duell, das als bildmächtig-bedrängendes Kammerspiel über die Versuchungen des Bösen inszeniert ist. Was in seiner moralischen Zuspitzung leicht in ein thesenhaftes Drama hätte abgleiten können, gewinnt durch seine existenzialischen Untertöne eine irritierende Gegenwärtigkeit, zu der das nuancierte Spiel der Hauptdarsteller, aber auch die zwingende optische und akustische Reduktion erheblich beitragen. Dass dabei Fragen von Schuld und Vergebung ins Zentrum rücken, gibt dem Genozid oft übersehene Dimensionen zurück, denen sich die Täter - und auf tragische Weise auch die Opfer - nicht entziehen können.