Deutschland 2002
Regie: Anne Wild
Länge:95 min
Verleih: Nighthawks

Mein erstes Wunder

Kinotipp der katholischen Filmkritik 134/Mai 2003

Die elfjährige Dole ist verschwunden - obendrein noch in Begleitung eines 30 Jahre älteren Mannes, der sich mit dem Ausbruch aus seinem unspektakulären Dasein einen Lebenstraum erfüllt. Was der Stoff für die Boulevardpresse sein könnte erweist sich schnell als ebenso lebendige wie einfühlsame Freundschaftsgeschichte, die mit außergewöhnlicher poetischer Kraft zu einem meditativen Märchen über Zuneigung, Geborgenheit und kreative Fantasie verdichtet wurde.

"Mein erstes Wunder" ist ein sensibel inszenierter, interessant erzählter Erstlingsfilm mit hervorragenden Schauspieler(inne)n. Eine narrative Chronologie im eigentlichen Sinne gibt es nicht: verschiedene Handlungs- und Zeitebenen kreuzen sich, Rückblenden und kontemplative Tagträume fließen ineinander, wobei sich vieles aus Doles nicht mehr ausschließlich kindlicher (Innen-)Sicht entwickelt. So ungewöhnlich die Geschichte, so beklemmend nahe ist sie an der Realität, vor allem an der kindlichen Psyche; mädchenhafter Charme wechselt mit rebellisch-ungebändigter Lebensgier sowie renitenter Bockigkeit. Anne Wild verlässt sich ganz auf die Kraft und Suggestivität der Bilder und deren Montage, woraus sich vielfältige Bezüge, Assoziationen und Lesarten ergeben. Zum Ende verliert sich der Film zwar in einem allzu "offenen" Deutungsgeflecht, überzeugt aber dennoch als anregendes, diskussionswertes Traumgespinst aus kindlicher Charakterstudie, Weltflucht-Melancholie und der schönen Utopie, dass es jenseits aller Zwänge des Lebens eine bessere Existenz geben müsste.