Exorzismus

Blickpunkt
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Das Böse und die Psychiatrie
Zur Diskussion über Besessenheit und Exorzismus
Der Exorzismus hat wieder Konjunktur, nachdem in kurzer Folge zwei Kinofilme
über den 30 Jahre zurückliegenden „Fall Anneliese Michel“ produziert worden sind.
In Deutschland haben die damaligen Ereignisse in Klingenberg zu einer besonderen
Sensibilität bei diesem Thema geführt. Wie ist Menschen zu helfen, die sich heute
vom Bösen bedroht fühlen beziehungsweise sich als „besessen“ erleben?
Anscheinend haben „Besessenheit“ und „Exorzismus“ gerade
eine gewisse mediale Konjunktur: Am 24. November 2005
lief in deutschen Kinos der Film „Der Exorzismus von Emily
Rose“ von Scott Derrickson an. Der Film hatte in den USA
schon das Vierfache der Produktionskosten eingespielt. Anfang
März folgt der deutsche Kinofilm „Requiem“ von dem
in Altötting geborenen Regisseur Hans-Christian Schmid.
Beide Filme basieren auf dem letzten – von einem deutschen
Bischof erlaubten – offiziellen Großen Exorzismus der Anneliese
Michel aus Klingenberg am Main. Während dieses Gro-
ßen Exorzismus, den zwei katholische Priester (Pater Arnold
Renz und Pfarrer Ernst Alt) mit Einwilligung der Eltern an
ihr vollzogen hatten, starb sie am 1. Juli 1976 im Alter von 23
Jahren. Die 67 exorzistischen Sitzungen der Teufelsaustreibungen
von rund zweistündiger Länge sind auf 51 Tonbändern
festgehalten.
Zwei Jahre später wurden die Exorzisten und die Eltern der
jungen Studentin vom Landgericht in Aschaffenburg wegen
unterlassener Hilfeleistung mit Todesfolge zu Gefängnisstrafen
mit Bewährung verurteilt. Gutachter hatten eine Epilepsie,
eine Psychose und – wegen Nahrungsverweigerung – eine
Unterernährung festgestellt. Diese Ereignisse sind der „Stoff“
für beide Filme.
Ist es nur Zufall, wenn in vielen deutschen Medien ausdrücklich
vermerkt wurde, dass die „Legionäre Christi“
schon zum zweiten Mal an ihrer römischen Hochschule „Regina
apostolorum“ einen theologisch-psychologischen Kurs
angeboten haben, der „Besessenheit“ und den Großen Exorzismus
nach seiner Neuordnung von 1999 erklärt und auch
„einüben“ soll?
In einer Monitor-Sendung (WDR) im November 2005 wurde
genüsslich angemerkt, dass Benedikt XVI. während einer seiner
wöchentlichen Generalaudienzen die Teilnehmer eines
italienischen Exorzistentreffens begrüßt und die Geistlichen
ermutigt habe, unter der „wachsamen Aufmerksamkeit ihrer
Bischöfe“ ihre exorzistische Tätigkeit auszuüben. Kardinal
Karl Lehmann hatte zunächst ein Live-Interview mit „Monitor“
abgelehnt, beantwortete aber die schriftlich gestellten Fragen,
etwa ob die von den Legionären Christi „eingeführten
römischen Ausbildungskurse für Exorzisten“ im Widerspruch
zur Haltung der deutschen Bischöfe ständen und ob es ein ausdrücklicher
Wunsch des (deutschen) Papstes sei, dass auch in
deutschen Diözesen Exorzisten „eingesetzt“ würden. In seiner
Antwort hob Lehmann hervor, dass es sich „um das Angebot
einer der zahlreichen Päpstlichen Universitäten und Hochschulen
in Rom, das im Rahmen der Verantwortung der Hochschule
in das Programm aufgenommen wurde“, handle. „Meines
Wissens ist es in diesem Sinn das Angebot eines einzelnen,
letztlich privaten Trägers und nicht Bestandteil offizieller
Maßnahmen“, so Lehmann.
Kriterien für das Vorliegen von Besessenheit
Die deutschen Bischöfe gingen jedenfalls verantwortlich mit den
Anfragen von Menschen um, die sich als „besessen“ empfinden
oder bezeichnen. Der Diözesanbischof entscheide dann, ob und
gegebenenfalls wem er die Erlaubnis für einen Exorzismus erteilt.
Lehmann weiter:„Es ist die dringlichste Aufgabe, zuverlässig und
unter Einsatz aller Mittel zu erkennen, ob ,Besessenheit‘ wirklich
vorliegt. Nur dann wäre ein Exorzismus überhaupt erlaubt. Es
hat sich gezeigt, dass diesen Menschen in der Regel ohne Anwendung
des Großen Exorzismus geholfen werden konnte. Es gibt
auch andere Möglichkeiten medizinischer Behandlung in Kombination
mit seelsorglicher und liturgischer Begleitung.“
Zu den vier Kriterien für das Vorliegen von Besessenheit – und
damit für die Beantragung des Großen Exorzismus beim zuständigen
Diözesanbischof – gehören nach den Ritualia von
1614 (Überarbeitung von Pius XII., 1954) und 1999: In einer
unbekannten Sprache mit mehreren Worten sprechen oder einen
Sprechenden verstehen; entfernt und verborgen liegende
Dinge offen legen; Kräfte zeigen, welche über die Kräfte und
natürlichen Gegebenheiten des Lebensalters hinausgehen; heftige
Aversionen gegen Gott oder Aggressionen gegen Riten, Sakramente,
Kreuze und heilige Bilder.
Von diesen Kriterien distanzierte sich 1984 eine gemischte Arbeitsgruppe
von Fachleuten (Dogmatiker, Exegeten, Liturgiewissenschaftler,
Pastoraltheologen, Mediziner, Psychiater,
Psychologen und Parapsychologen), welche von der Deutschen
Bischofskonferenz beauftragt war, den Großen Exorzismus auf
seine Zeitgemäßheit, Gültigkeit und Effizienz hin zu überprü-
fen. Hervorzuheben sind hier die besonderen humanwissenschaftlichen
– das heißt psychologischen und parapsychologischen
– Forschungen und Beiträge von Johannes Mischo, dem
damaligen Leiter des Institutes für Grenzgebiete der Psychologie
und Psychohygiene in Freiburg.
Die Arbeitsgruppe fasste ihre Resultate unter anderem in drei
Hauptthesen zusammen: Die Lehre der Kirche über die Existenz
dämonischer Mächte ist erstens als zum Glauben gehörig
anzusehen („de fide“); sie
bedarf allerdings der Rekonstruktion,
das heißt der sorgsamen
Situierung vom Ganzen
des Glaubens her. Ohne
die Möglichkeit von Besessenheit
grundsätzlich oder
positiv auszuschließen, muss
zweitens festgestellt werden:
Gegenwärtig lassen sich keine
Kriterien erheben, die entsprechend
den Kriterien des Rituale Romanum von 1614, in
Analogie dazu oder in Gestalt von deren Neuformulierung gestatten,
mit hinlänglicher Gewissheit Besessenheit zu erkennen.
Es müssen sogar sowohl aus theologischen als auch aus
medizinischen Gründen Bedenken gegen die vom Rituale Romanum
von 1614 vorgesehenen Formen von Besessenheitsfeststellung
und Exorzismus erhoben werden.
Aus einer Reihe von Gründen hält es die „gemischte Arbeitsgruppe“
gleichwohl drittens für notwendig, den bisherigen
Großen Exorzismus nicht einfach ersatzlos zu streichen. An
seine Stelle soll eine „Liturgie zur Befreiung vom Bösen“ treten,
die unter bestimmten Bedingungen und Voraussetzungen
vollzogen werden kann.
Ergänzend sei hier gefragt, ob als Kriterium für das Vorliegen einer
Besessenheit nicht die aus der ignatianischen Spiritualität
kommenden „Regeln zur Unterscheidung der Geister“ angewendet
werden könnten. Diese Möglichkeit zur Erkenntnis des
generell „Bösen“ wurde von der Arbeitsgruppe seinerzeit verworfen,
weil solche Regeln letztlich nur individuell, konkret in
einem persönlich-zeitlich-biografischen Zusammenhang gelten
können, aber nicht als generell kirchliche Verhaltensmaximen.
Andere Bedingungen in Lateinamerika,
Afrika und Südostasien
Das Echo auf den im Jahr 1999 erneuerten Großen Exorzismus
in Deutschland war zwiespältig: Etliche exorzistische Praktiker
sprachen von einer Verwässerung des alten Ritus: Sie würden
weiterhin die alten lateinischen Formen von 1614 – auch ohne
bischöfliche Erlaubnis – anwenden. Mitglieder der Arbeitsgruppe
waren enttäuscht, dass die deutschsprachigen Verhältnisse
und Erfahrungen und die Ergebnisse der Arbeitsgruppe
kaum in das neue exorzistische Gebet eingearbeitet wurden.
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Ulrich Niemann SJ (geb.
1935), Dr. med., Lic. phil. et
theol., ist Arzt für Neurologie
und Psychiatrie, Psychosomatiker
und emeritierter Dozent
für Psychosomatische Anthropologie,
Pastoralmedizin und
Medizinische Ethik an der
Philosophisch-Theologischen
Hochschule St. Georgen.
In Italien und auch in Frankreich werden offenbar „positivere“
Erfahrungen mit dem Großen Exorzismus gemacht. Gibt es
doch in Frankreich mindestens einen und in Italien sogar
mehrere offiziell ernannte (und auch sehr beschäftigte) Exorzisten
in jeder Diözese. In Lateinamerika, Afrika und Südostasien
liegen ohnehin völlig andere soziokulturelle Verhältnisse
in Bezug auf „Besessenheitspsychosen“ vor (vgl. die Erkenntnisse
der so genannten Transkulturellen Psychiatrie). Dort
sind beschwörende Gebete, autoritär-suggestive Therapiemethoden
und/oder liturgische und an Magie grenzende Riten
fester Bestandteil bei der Heilung und der psychosozialen Integration
von Menschen, die sich für „besessen“ halten.
Dennoch sind im Großen Exorzismus von 1999 wichtige Änderungen
erkennbar, welche – auch im deutschen Sprachbereich
– mehr Freiheiten gestatten, um mit anderen Gebetsformen
und Therapiemethoden Menschen zu helfen, die sich für
„besessen“ halten. Im neuen Großen Exorzismus muss nicht
mehr nach dem Namen der Teufel gefragt werden: „Wie heißt
Du?“ (zum Beispiel „Legion“ nach Mk 5,7 oder „Hitler“ und
„Nero“ beziehungsweise „Luzifer“ bei Anneliese Michel).
Diese Fragen sind eminent kontra-therapeutisch, weil sie die
personale und psychosoziale Identität sowie die Integration
derer, die sich „besessen erleben“, weiter gefährden.
Das fürbittende oder deprekative Gebet (dass Gott im Namen
Christi gebeten wird, dafür zu sorgen, dass der Diabolos, das
heißt der „Durcheinanderwirbler“ oder „Verwirrer“, von der gequälten
Person ablässt) kann ohne die befehlende oder die imperative
beziehungsweise imprekative Gebetsform angewendet
werden. Der Teufel wird direkt im Namen Christi aufgefordert,
sich aus oder von dem „Gequälten“ zurückzuziehen. Das ist deshalb
eine wichtige Neuerung, weil die Reaktion eines oft aggressiven
und antiautoritären Trotzes durch das fürbittende Gebet
gemildert wird. Noch bessere Heilungs- oder Befreiungschancen
in Deutschland hätte freilich das „con-prekative Gebet“, das
heißt, dass der priesterliche und geistliche Begleiter (Exorzist)
mit dem „Besessenen“ um Befreiung zu Gott hin betet.
Eine offizielle deutsche Übersetzung des neuen
Großen Exorzismus liegt noch nicht vor
Diesem Anliegen kommt der neue Ritus dadurch entgegen,
dass der Besessene dem exorzistischen Gebet „zustimmen“
soll. So kommt es bei jeder Heilung oder Befreiung entscheidend
auf den Konsens und die richtige Nähe und Distanz zwischen
der angstvoll gequälten oder dissoziativ gestörten Person
und dem geistlichen Begleiter an.
Den regionalen Bischofskonferenzen obliegt es, Gebete, Zeichen
und Gesten des Ritus der herrschenden Kultur und der Eigenart
des jeweiligen Volkes – in Übereinstimmung mit der römischen
Ritenkongregation – „anzupassen“. Jede Bischofskonferenz kann
nach Befragungen von Experten für das Gebet um Befreiung „eigene
pastorale Handreichungen hinzufügen“, welche den jeweiligen
regionalen soziokulturellen Bedingungen entsprechen. Die
Deutsche Bischofskonferenz hat dies in ähnlichen schwierigen
pastoralen Fragen immer wieder getan (zum Beispiel jüngst in
der 2005 veröffentlichten Handreichung zum Umgang mit im
Mutterleib vorzeitig abgestorbenen Kindern).
Mehrfach wird im neuen Exorzismus betont, dass das große
exorzistische Gebet – dem Sinn nach – nicht zu einem Spektakel
verkommen darf. Damit sind den Bemühungen etlicher Massenmedien
Grenzen gesetzt, die immer wieder versuchen, „Besessene“
vor eine Kamera zu zerren oder sie zu Interviews zu veranlassen,
welche nicht der Befreiung vom Bösen dienen.
Was die besonderen deutschen Verhältnisse angeht, so ist die
konkrete Anwendung des Rituale schon allein dadurch gebremst,
dass eine offizielle deutsche Übersetzung des neuen
Großen Exorzismus (nach mehr als fünf Jahren!) noch nicht
vorliegt. Hier dürften die Erfahrungen mit dem Fall der Anneliese
Michel keine unbedeutende Rolle spielen. Deutsche Bischöfe
erinnern sich nur sehr ungern an die Erfahrungen des
damaligen Bischofs von Würzburg.
Nach dem Aschaffenburger Exorzistenprozess fand im Rahmen
des 13. Ärztetages 1980 im Bistum Essen eine Vortragsveranstaltung
über das Thema: „Exorzismus heute? Der Arzt
und das abgründig Böse“ statt. Max P. Engelmeier, Lehrstuhlinhaber
für Psychiatrie in Essen, erklärte seinerzeit „Die Wissenschaft,
die ich vertrete, kann keinerlei Aussagen machen
über die Existenz Gottes oder des Teufels. Ein Gott, der im Koordinationssystem
unserer wissenschaftlichen Erfahrungen
sozusagen ,festgestellt‘, umgrenzt werden könnte, wäre eben
kein Gott. Vergleichbares gilt wohl auch für Teufel und Dämonen.
Weil dem so ist, bleibt unseren Methoden auch das Wesen
der Besessenheit, ihr metaempirisches, theologisches [?, U. N.]
Geheimnis unzulänglich.“
Die Psychiatrie geht deshalb solchen Erscheinungen gegenüber
von folgenden Tatsachen aus: Es gibt auch heute noch Personen,
die behaupten, vom Teufel besessen zu sein. Ihre Zahl geht aber
in allen Industrieländern rasch zurück. Besessenheiten sind in
manchen nicht-industrialisierten, so genannten „Entwicklungsländern“
ungleich häufiger als bei uns.
Wer allerdings heute die Internationale Klassifikation psychischer
Störungen (ICD-10) der Weltgesundheitsorganisation
zu Rate zieht, findet unter der Ziffer F 44.3 eine diagnostische
Einordnung unter der Überschrift: „Trance- und Besessenheitszustände“.
Diese werden im ICD-10 definiert: „Störungen,
bei denen ein zeitweiliger Verlust der persönlichen Identität
und der vollständigen Wahrnehmung der Umgebung
auftritt; in einigen Fällen verhält sich ein Mensch so, als ob er
von einer anderen Persönlichkeit, einem Geist, einer Gottheit
oder einer ,Kraft‘ beherrscht wird. Aufmerksamkeit und Bewusstsein
können auf nur ein oder zwei Aspekte der unmittelbaren
Umgebung begrenzt und konzentriert sein, und häufig
findet sich eine eingeschränkte, aber wiederholte Folge von
Bewegungen, Stellungen und Äußerungen.“
Blickpunkt
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Der Oberbegriff für diese „Besessenheitszustände“ sind so genannte
dissoziative Störungen, welche aber nicht mit der
Gruppe der Schizophrenie verwechselt werden dürfen. Früher
nannte man diese dissoziativen Störungen Konversionsstörungen,
noch vor gut zehn Jahren wurden die Besessenheitsphänomene
überhaupt unter „Hysterie“ subsumiert.
Dazu schreibt der ICD-10 (ICD-10, 4. Auflage 2000, 173):
„Heute erscheint es günstiger, den Terminus Hysterie wegen
seiner vielen unterschiedlichen Bedeutungen soweit wie möglich
zu vermeiden. Die hier beschriebenen dissoziativen Stö-
rungen werden als psychogen angesehen. D. h. es besteht eine
nahe zeitliche Verbindung zu traumatisierenden Ereignissen,
unlösbaren oder unerträglichen Konflikten oder gestörten Beziehungen.“
Mit einem sekundären Krankheitsgewinn ist dabei
zu rechnen. – „Der Begriff Konversion wird für einige dieser
Störungen in einer weiter gefassten Bedeutung verwendet
und bedeutet, dass sich der durch die unlösbaren Schwierigkeiten
und Konflikte hervorgerufene unangenehme Affekt in
irgendeiner Weise in körperliche Symptome umsetzt.“
Konfrontiert mit dem abgründig Bösen
Schon Gottfried Wilhelm Leibniz hat drei Strukturen des Bö-
sen unterschieden: Malum metaphysicum (der/das personal
„jenseitige“ Böse); malum physicum (das Übel in dieser so
konstruierten Welt); malum morale (das vom Menschen in
seiner Freiheit ausgehende Böse). Doch damit fangen die Fragen
erst an: Was sind „unreine Geister“ (Mk 1,23; Mk 9,29)
oder Dämonen (Mk 3,15) oder „Gewalten und böse Geister“
(Eph 6,12) in heutiger Zeit? Wie kann im soziokulturellen
Umfeld des deutschen Sprachbereiches das Wirken des „Teufels“
(Schlange, Satan, Diabolos) erkannt werden? Wie ist
das/der Böse (malum metaphysicum?) von natürlichen Übeln
dieser Welt (malum physicum), zum Beispiel Krankheiten wie
Krebs, Epilepsie, Schizophrenie (nach rund 130 Jahren empirisch-wissenschaftlich
fundierter Nervenheilkunde) oder von
Naturkatastrophen wie Erdbeben, Wirbelstürmen, Überschwemmungen,
zu unterscheiden? Welche Rollen spielen (die
frei gewollten?) Bosheiten der Menschen (malum morale) wie
Hass, Neid, Intrigen, Mobbing, Korruption, Mord (Stichworte:
Auschwitz, Hiroshima, Nordirland, Bosnien)?
Diese Fragen und ihre weitgehende Unbeantwortbarkeit veranschaulichen
die Aporie angesichts des abgründig Bösen in
unserer Zeit. Diese Aporie hat man auch in dem Begriff des
„mysterium iniquitatis“ zu fassen versucht. Dabei ist das Rätsel
des Bösen (aenigma iniquitatis vel malitiae) kein Geheimnis,
wie man vom Geheimnis des dreifaltigen Gottes, vom Geheimnis
der Eucharistie oder vielleicht auch vom „Geheimnis
eines kleinen Kindes“ spricht. Der oder das Böse ist nur ein
Zerrbild eines Mysteriums.
Im gleichen Sinn kann man auch nicht sagen: „Ich glaube an den
Teufel“. Glauben kann ich nur an jemand, dem ich vertraue und
dem ich meine persönlichen Geheimnisse anvertrauen möchte.
Das kann ich gegenüber einer „Unperson“ (Joseph Ratzinger), einem
Verwirrer und Zerstörer – sinnvollerweise – nicht tun.
Die Verlegenheiten angesichts unklarer und immer wieder wechselnder
diagnostischer und konzeptueller Überlegungen der Pastoraltheologie
und der „psychiatrischen Wissenschaft“ in Bezug
auf das Phänomen des Bösen und der dadurch implizierten Therapie
von „Besessenheit“ sind nach den bisher beschriebenen
Zusammenhängen noch drängender geworden: Wie kann man
also Menschen helfen, die sich vom Bösen „besessen“ erleben?
Anneliese Michel hätte seinerzeit nur dann eine Lebenschance
gehabt, wenn Ärzte und Seelsorger vertrauensvoll zusammengearbeitet
hätten (vgl. Ulrich Niemann, Besessenheit – Teufelswerk
und/oder Psychose? in: Orientierung 46 [1982] 195–
199). Die Ärzte hatten Wissen und Fähigkeiten zur Heilung;
ihnen fehlte aber das Vertrauen von Anneliese Michel. Den
Seelsorgern vertraute sie; ihnen fehlten aber Wissen und Erfahrung,
um diese sehr schwere und vielschichtige somatopsychische
Krankheit zu heilen. Formen dieser Zusammenarbeit
haben bei Anneliese Michel gefehlt.
Folgt man Karl Rahner, so scheint die Lösung dieses Dilemmas
zunächst einfach: „Wie wir heute auch als orthodoxe Gläubige
,ohne Hexen auskommen‘, so könnte man in der Praxis auch
ohne ,Besessenheit‘ auskommen. Selbst wenn man einen Einfluss
solcher bösen Mächte als denkbar annimmt, wäre dieser
uns empirisch gegeben in dem, was wir schlicht Krankheit
nennen und unter dieser Voraussetzung durchaus mit irdischen
Mitteln bekämpfen können.“
Wie aber könnte konkret der Kampf gegen diese „Krankheit“
aussehen? Alle an diesem Kampf gegen die „Besessenheit“
Beteiligten sollten nach der alten pastoralmedizinischen
Devise denken, fühlen und handeln: Immanente
Heilung und transzendentes Heil. In diesem Sinn sollte auch
der alte Satz: „Wer heilt, hat Recht!“ umformuliert werden
in: „Wer auf Dauer und im Ganzen heilt, hat Recht.“ In diesem
Sinn gehört auch der Glaube an die Auferstehung mit zu
Blickpunkt
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Weiterführende Literatur:
– Congregatio de cultu divino et disciplina sacramentorum: De exorcismis
et supplicationibus quibusdam. Vatikan, Rom 1999.
– Ulrich Niemann: Exorzismus und/oder Therapie? in: Stimmen der
Zeit 124 (1999) 781–784.
– Ulrich Niemann: Befreiung vom Bösen? Für einen zeitgemäßen Umgang
mit „Besessenheit“ in: Stimmen der Zeit 130 (2005) 274–278.
– Ulrich Niemann und Marion Wagner (Hg.): Exorzismus oder Therapie?
Ansätze zur Befreiung vom Bösen, Verlag Friedrich Pustet, Regensburg
2005.
– Manfred Propst und Klemens Richter: Exorzismus oder Liturgie zur
Befreiung vom Bösen. Verlag Aschendorff, Münster 2002.
– WHO: Internationale Klassifikation psychischer Störungen, ICD-10,
4. Aufl., Verlag Hans Huber, Bern 2000.
der „Behandlung“ von Menschen dazu, welche sich als „besessen“
erleben.
Der alte benediktinische Grundsatz ist auch die ethische Grundeinstellung
eines guten christlichen Psychiaters: Arbeite und bete.
Das gilt in dem Sinn, dass menschlich gearbeitet wird, das heißt,
dass mit wissenschaftlich fundierten therapeutischen Methoden,
wie zum Beispiel neurologisch (viele konversionsneurotische
Menschen werden zunächst in einer neurologischen Klinik behandelt),
psychotherapeutisch, psychiatrisch-pharmakologisch,
parapsychologisch, sozialtherapeutisch und sozial-rehabilitativ
die beste menschlich-therapeutische Hilfe versucht wird.
Andererseits muss die Glaubens- und Gebetsdimension derer,
die sich für besessen halten, ganz ernst genommen werden,
und es muss versucht werden, in einer individuell und sozial
angemessenen Weise mit den Beteiligten – con-prekativ – zu
beten. Ulrich Niemann
Interview
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